CED und Schwangerschaft?

Prof. Seiderer Nack: Die meisten Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) erkranken im jungen Erwachsenenalter – daher stellen sich in dieser Lebensphase auch vermehrt Fragen zu Themen rund um Familienplanung und Kinderwunsch bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa:


Können Patientinnen mit CED überhaupt Kinder bekommen?

Generell können Frauen mit CED genauso schwanger werden und Kinder bekommen wie Frauen ohne CED – manchmal kann jedoch die Fruchtbarkeit (Fertilität) sowohl bei Frauen als auch Männern durch die chronisch entzündliche Darmerkrankung bzw. ihre Therapie eingeschränkt sein. Das ist z.B. bei Patienten und Patientinnen mit einer hohen Entzündungsaktivität im akuten Schub oder ausgeprägten Gewichtsverlust durch die Erkrankung der Fall. Auch größere Voroperationen wie z.B. eine Entfernung des Dickdarms mit Pouch-Anlage können zu Einschränkungen der Fruchtbarkeit führen. Generell gilt: Sprich mit deinem behandelnden Arzt über das Thema Kinderwunsch und lass dich bei Problemen beraten.


Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Schwangerschaft?

Der beste Zeitpunkt für den Beginn einer Schwangerschaft bei CED ist eine entzündungs- und beschwerdefreie Phase (Remission). Studien konnten zeigen, dass eine hohe Entzündungsaktivität zum Zeitpunkt der Zeugung mit einer erhöhten Rate an Komplikationen wie Fehlgeburten, Frühgeburten oder Erkrankungen der Mutter verbunden ist. Erfolgt die Zeugung dagegen in einer entzündungsfreien Remissionsphase, verlaufen etwa 85% der Schwangerschaften ohne Komplikationen – dies entspricht den Prozentzahlen, die auch bei völlig gesunden Frauen beobachtet werden.


Müssen während der Schwangerschaft alle Medikamente abgesetzt werden?

Nein – aber es muss genau überprüft werden, welche Medikamente in einer Schwangerschaft weitergenommen werden können, ohne zu unerwünschten Nebenwirkungen beim ungeborenen Kind zu führen. Am besten besprechst Du deinen Kinderwunsch mit deinem behandelnden Arzt, damit erforderlichenfalls bereits vor der Schwangerschaft die medikamentöse Therapie angepasst werden kann. Wichtigstes Ziel in der Behandlung während der Schwangerschaft ist nämlich, einen neuen Schub und damit Komplikationen für Mutter und Kind zu vermeiden. Ein akuter Schub ist dabei meist gefährlicher als die medikamentöse Therapie. Welche Behandlung für die werdende Mutter und ihr Kind geeignet ist, kann nur im Einzelfall im Rahmen einer eingehenden Beratung durch den Spezialisten gemeinsam entschieden werden.

Für manche Medikamente liegen bereits langjährige Erfahrungswerte zur Sicherheit vor, so dass diese auch während der Schwangerschaft eingesetzt werden können. Andere Medikamente hingegen sind in der Schwangerschaft nicht empfohlen bzw. können auf keinen Fall weiter verabreicht werden. Lass dich dazu unbedingt von deinem behandelnden Arzt beraten.


Sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen vererblich?

Genetische – also vererbbare – Faktoren können sowohl bei Morbus Crohn als auch Colitis ulcerosa einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung haben. Erstgradige Verwandte eines Crohn-Patienten haben beispielsweise ein leicht erhöhtes Risiko (ca. 5%), ebenfalls an einem Morbus Crohn zu erkranken.
Viele werdende Eltern mit CED sind daher besorgt, ob die Krankheit an ihr Kind vererbt werden kann. Chronisch entzündliche Darmerkrankungen sind jedoch keine klassische Erbkrankheit – nicht jeder CED-Patient ist Träger von Risikogenen und nicht jedes Kind von Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa bekommt automatisch auch eine CED. Zur Beruhigung: Über 85% aller Patienten mit CED haben keine Familienangehörigen, die an einer CED erkrankt sind.
Die bekannten Risikogene sind vielmehr die Grundlage für eine erhöhte Krankheitsbereitschaft, die erst durch ein komplexes Zusammenspiel mit verschiedenen Umweltfaktoren zu einem Ausbruch der Erkrankung führt. Ob ein Kind eine CED entwickelt, zeigt sich jedoch erst im Laufe seines Lebens und lässt sich nicht vor der Geburt voraussagen. Eine genetische Untersuchung des Kindes ist daher medizinisch nicht sinnvoll. Selbst wenn das Kind Träger von Risikogenen wäre, heißt dies noch lange nicht, dass es in seinem weiteren Leben auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung entwickeln wird.


Professor Dr. med. Julia Seiderer-Nack

ist Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizin in München. Sie hat zahlreiche wissenschaftlichen Studien und Bücher zum Thema chronisch entzündliche Darmerkrankungen und Darmgesundheit veröffentlicht und organisiert regelmäßig Fortbildungen zu diesem Thema. Durch ihre Zusatzausbildungen auf dem Gebiet der Homöopathie, Traditionellen Chinesischen Medizin und Naturheilkunde hat sie in der Behandlung von CED-Patienten auch ganzheitliche Therapieformen im Blick.

Zuletzt aktualisiert: 13.02.2019