Alles klar mit RNA? Was steckt hinter den empfohlenen Covid-19-Impfstoffen?

Die Covid-19-Pandemie hat unser gesellschaftliches Leben maßgeblich beeinflusst und nicht zuletzt durch das Auftreten neuer infektiöserer Virusvarianten scheint eine vollständige Rückkehr zur Normalität noch immer nicht möglich zu sein. Die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie besteht in der fortschreitenden umfassenden Impfung der Bevölkerung. Ohne eine flächendeckende Impfung schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass sich ca. 80 % der Erdbevölkerung mit dem SARS-CoV-2-Erreger infizieren könnten. Schon jetzt stellt die Entwicklung und Zulassung geeigneter Impfstoffe sowie deren massenhafte Produktion und Vergabe an die Bevölkerung binnen kürzester Zeit einen beispiellosen wissenschaftlichen, medizinischen und logistischen Erfolg dar – und weitere Impfstoffe sollen folgen und helfen, das Infektionsgeschehen zunehmend in den Griff zu bekommen.

Priorisierung bei der Impfstoffvergabe aufgehoben

Die Coronavirus-Impfverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) mit Stand vom 31. März 2021 sowie die aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission in Deutschland (STIKO) vom 24. Juni 2021 geben vor, dass bestimmte Risikogruppen der Bevölkerung für die Covid-19-Impfung zu bevorzugen sind. Hierzu zählen beispielsweise medizinisches Fachpersonal, Pflegepersonal in Senioren- und Pflegeheimen, Senioren im Allgemeinen sowie Personen mit bestimmten Grunderkrankungen. Je nach Alter, Art der Vorerkrankung und dem Expositionsrisiko in der medizinischen und pflegenden Betreuung ergeben sich unterschiedliche Grade der Gefährdung an Covid-19 zu erkranken. Aus diesem Grunde erfolgte die Vergabe der Impfstoffe zunächst auf Basis eines stufenweisen Vorgehens, bei dem Personen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko bei der Impfung zu bevorzugen waren. Aufgrund des Fortschritts in der Impfkampagne und der zunehmenden Verfügbarkeit von COVID-19-Impfstoffen ist gemäß der STIKO ein stufenweises Vorgehen entsprechend einer Priorisierungsempfehlung auf nationaler Ebene nicht mehr notwendig. Seit dem 07. Juni 2021 wurde die Priorisierung daher von der Regierung bundesweit aufgehoben und die Covid-19-Impfung steht in Arztpraxen, bei Betriebsärzt*innen sowie in Impfzentren prinzipiell jedem der geimpft werden möchte offen. Trotz des Wegfalls der Priorisierungsempfehlung sind die impfenden Ärzt*innen jedoch weiterhin aufgerufen, bislang nicht geimpfte Erwachsene, die ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe haben oder durch ihren Beruf besonders häufig in Kontakt mit gefährdeten und / oder infizierten Personen sowie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen kommen, weiterhin bei der Vergabe von Impfterminen bevorzugt zu berücksichtigen. Dies gilt auch für dich als Betroffene*r einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED). Gemeinsam mit verschiedenen anderen Erkrankungen werden CED von der STIKO weiterhin in der Liste der Grunderkrankungen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf geführt.

Impfung mit mRNA-Impfstoffen uneingeschränkt möglich

Das Kompetenznetz Darmerkrankungen e.V. – ein führender Verbund aus Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen, Fachkliniken, universitären Instituten und der Wirtschaft auf dem Gebiet der Gastroenterologie – veröffentlicht seit der ersten Zulassung von Covid-19-Impfstoffen in Deutschland regelmäßige Empfehlungen zur Impfung CED-Betroffener mit bestehender immunsuppressiver Therapie. Aus Sorge unter einer Immunsuppression besonders gefährdet zu sein oder sich aufgrund dessen nicht gegen Covid-19 impfen lassen zu können, richteten sich viele CED-Betroffene mit Fragen an das Expertengremium. Diese sehen die Sorgen als unbegründet und empfehlen die als unbedenklich einzustufende Impfung mit sogenannten Totimpfstoffen. Zu der aktuellen Stellungnahme des Kompetenznetz Darmerkrankungen gelangst du hier.

Im Falle eines Totimpfstoffs werden abgetötete bzw. nicht mehr vermehrungsfähige Erreger oder bestimmte Teile von Erregern, sogenannte Antigene, für die Impfung verwendet. Beispielsweise trifft dies etwa auf die Hepatitis- oder Grippeimpfung zu. Lebendimpfstoffe hingegen enthalten lebensfähige Erreger, welche jedoch stark abgeschwächt sind und keine krankmachenden Eigenschaften mehr besitzen. Beispiele hierfür sind die Impfungen gegen Masern oder Röteln. Bei Patienten, die eine immunsuppressive Therapie einnehmen und dadurch ein geschwächtes Immunsystem besitzen, können Komplikationen durch die Vermehrung solch abgeschwächter Erreger jedoch nicht ausgeschlossen werden, weshalb eine Impfung mit Lebendimpfstoffen unter Immunsuppressiva vermieden werden sollte. Basierend auf ihrem Wirkmechanismus werden die derzeit in Deutschland gegen Covid-19 zugelassenen Impfstoffe der Firmen BioNTech / Pfizer und Moderna als mRNA- und der Firmen AstraZeneca und Johnson & Johnson / Janssen-Cilag International als Vektorimpfstoffe bezeichnet. Bei allen derzeit zugelassenen Impfstoffen gegen Covid-19 handelt es sich um Totimpfstoffe. Gemäß der aktuellen Empfehlung des Kompetenznetz Darmerkrankungen besteht für CED-Betroffene unter immunsuppressiver Therapie die Möglichkeit sich mit jedem der verfügbaren Impfstoffe impfen zu lassen. Auf Basis der aktuellen Datenlage empfiehlt die STIKO jedoch die beiden Vektor-basierten Impfstoffe nur für Personen mit einem Alter über 60 Jahren. Die kombinierte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff und dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca als Erst- oder Zweitimpfung sowie die nur einmal nötige Impfung im Falle des Vektorimpfstoffes von Johnson & Johnson / Janssen-Cilag International ist nach ärztlicher Aufklärung und bei individueller Risikoakzeptanz durch die impfwillige Person aus Sicht der STIKO jedoch auch für Personen unter 60 Jahren möglich. Hinsichtlich einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen liegen keine Einschränkungen vor, wobei der mRNA-Impfstoff der Firmen BioNTech / Pfizer inzwischen auch für Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren zugelassen ist.

mRNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan für das SARS-CoV-2-Antigen

Die mRNA oder auch „messenger RNA“ ist ein Botenmolekül der Zelle, welches die Bauanleitung zur Bildung von Proteinen enthält. Die mRNA-Moleküle der Covid-19-Impfstoffe beinhalten die Anleitung zum Bau eines bestimmten Proteins aus der äußeren Virushülle des SARS-CoV2-Erregers, das sogenannte „Spike-Protein“. Auf der Oberfläche bilden die Spike-Proteine die charakteristischen kronenförmigen Ausstülpungen, über die die Viren aus der Familie der Coronaviren in die Körperzellen gelangen und denen diese ihren Namen verdanken (Corona = lateinisch für Krone oder Kranz). Die Impfstoffentwicklung ist wesentlich auf dieses charakteristische und virusspezifische Antigen ausgerichtet.

Nachdem der Impfstoff in das Muskelgewebe gespritzt wird, nehmen die umliegenden Zellen die mRNA auf und beginnen mit der Produktion des Spike-Protein, indem der mRNA-Bauplan abgelesen wird. Kommt das Immunsystem anschließend mit dem Spike-Protein in Kontakt wird dieses als fremdartig erkannt und eine Immunantwort durch die Bildung von Antikörpern ausgelöst. Bei einem zukünftigen Kontakt mit SARS-CoV-2-Erregern ist das Immunsystem „geschult“ und kann eine sofortige Abwehrreaktion auslösen – es besteht ein Immunschutz. Nachfolgende Abbildung zeigt dir den Wirkmechanismus der mRNA-Impfstoffe im Detail:

Vektorimpfstoffe mit vergleichbarem Wirkmechanismus

Die Wirkung der derzeit ebenfalls zur Covid-19-Impfung zugelassenen Vektorimpfstoffe beruhen auf demselben Prinzip der Produktion des Virusantigens, in Form des Covid-19 Spike-Proteins, durch Zellen unseres Muskelgewebes nach der Impfung. Jedoch unterscheidet sich der Weg, auf welchem die Bauanleitung für das Spike-Protein in unsere Zellen gelangt. Bei Vektorimpfstoffen geschieht dies über für den Menschen harmlose bzw. abgeschwächte Viren, den sogenannten Trägerviren oder Vektoren.

In einigen Punkten herrscht noch Unklarheit und Mediziner*innen und Wissenschaftler*innen arbeiten unter Hochdruck daran, letzte entscheidende Fragen zur Covid-19-Impfung zu klären. Entsprechend werden derzeit Impfempfehlungen regelmäßig aktualisiert. Sobald Neuigkeiten von ärztlichen Fachgesellschaften, dem BMG oder der STIKO erscheinen, werden wir Euch darüber informieren.

Vor allem die Impfung mit mRNA-Impfstoffen auch unter bestehender Immunsuppression möglich

Bislang liegen noch wenige Daten zur Immunogenität, Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe bei immunsupprimierten Patient*innen vor. Das Expertengremium des Kompetenznetzes Darmerkrankungen empfiehlt, dass immunsupprimierte Patient*innen – sofern frei wählbar – bei vergleichbaren Sicherheitsdaten mit dem effektivsten Impfstoff geimpft werden sollen. In jedem Fall ist laut Meinung der Expert*innen jedoch die Impfung mit einem von den zugelassenen SARS-CoV-2 Impfstoffen die deutlich bessere Option als keine Impfung durchzuführen. Die STIKO betont dennoch, dass von einer geringeren Wirksamkeit dieser Impfstoffe bei immunsupprimierten Personen in Abhängigkeit von der Art und Ausmaß der Immunsuppression auszugehen ist. Dabei ist nicht von einer geringeren Sicherheit der Impfung unter bestehender Immunsuppression auszugehen.

Dass eine Impfung mit mRNA-Impfstoffen unter bestehender Immunsuppression problemlos möglich ist, zeigt das aktuelle Ergebnis einer Studie aus Deutschland. In dieser wurde eine kleine Gruppe von 26 Patient*innen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma, multiple Sklerose, Schuppenflechte oder auch CED, die eine immunsuppressive Therapie erhielten, nach Impfung mit den verfügbaren mRNA-Impfstoffen untersucht. Das Ergebnis: Die mRNA-Impfung erwies sich als allgemein wirksam und verträglich und es zeigte sich keine erhöhte Aktivität der jeweiligen chronisch-entzündlichen Erkrankungen.

Für eine Impfung sollte die Immunsuppression nach Möglichkeit geringer sein. Dennoch sollten Betroffene einer CED ihre immunsuppressive Therapie zur Impfung nicht unterbrechen, da das Risiko eines möglichen Schubs in der Regel höher ist als das mögliche Risiko einer zu geringen Immunantwort. Sollten sich bei dir keine ausreichend hohen oder lang wirkenden Antikörpermengen zeigen, muss eventuell eine weitere Auffrischungsgabe mit dem Impfstoff erfolgen. Sprich am besten mit deinem / deiner behandelnden Arzt / Ärztin hierzu.

Impfung gegen Covid-19 allgemein unbedenklich

Die bislang beobachteten Nebenwirkungen einer Covid-19-Impfung sind gering und vergleichbar mit anderen herkömmlichen Impfungen. So können etwa kurzfristige Reaktionen an der Injektionsstelle in Form leichter Schmerzen, Schwellungen oder Rötungen sowie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwäche oder vereinzelt Übelkeit auftreten. Nur selten werden schwerere Nebenwirkungen beobachtet. Solltest du im Netz oder anderorts Berichte über Nebenwirkungen lesen, so vergewissere dich, dass es sich dabei um vertrauenswürdige Meldungen handelt. Denn verschiedene Fake News (also Falschmeldungen) machen die Runde, wie etwa, dass Impfstoffe unser Erbgut verändern könnten oder unfruchtbar machen – solche Behauptungen entsprechen nicht der Wahrheit!

Solltest auch du Bedenken gegenüber einer Covid-19-Impfung haben, hoffen wir, diese ausgeräumt und dir den Mehrwehrt eines Impfschutzes gerade als Betroffener einer chronischen Erkrankung aufgezeigt zu haben!

Zuletzt aktualisiert: 13.07.2021