Wenn die nächste Toilette nicht nah genug ist

Tipps und Erklärungen für Betroffene bei Inkontinenz

Ihr Chef hat Sie zur Weihnachtsfeier eingeladen und Ihr erster Gedanke im Restaurant ist: Warum haben wir den Tisch am Fenster und nicht nah an der Toilette?

Sobald das Gefühl auftritt „müssen zu müssen“, kommt die Angst: Schaffe ich es noch rechtzeitig zur Toilette? Eine Toilette muss in sofortiger Reichweite sein! Akuter Stuhldrang und Inkontinenz können zu den Symptomen eines Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa zählen. Dies wird auch als „imperativer Stuhldrang“ bezeichnet.

Woran liegt das?

Die Ursachen sind vielfältig: So kann die chronische Entzündung zu narbigen Veränderungen im Darm führen und somit die Dehnbarkeit des Enddarms einschränken. Dieser dient eigentlich als Speicher für den Darminhalt bis zum nächsten Stuhlgang. Ist die Funktion als Reservoir eingeschränkt, kann es zu akutem Stuhldrang kommen.

Der Schließmuskel kann beispielsweise auch durch sogenannte Fisteln, chirurgische Eingriffe, schwere Geburten oder eine altersbedingte Beckenbodensenkung nicht mehr ausreichend funktionsfähig sein.

Auch ein akuter Schub oder eine Infektion können der Grund für unerwartete Stuhlentleerungen sein.

Ungewollter Stuhlabgang oder unkontrollierte Blähungen sind nach wie vor Themen über die man nicht gerne spricht. Die damit verbundenen Geräusche und Gerüche oder gar das schnelle „Verschwinden“ hinter dem nächsten Gebüsch können peinlich und beschämend sein. Entsprechend hoch ist bei vielen Betroffenen auch die psychische Belastung.

Selbst wenn es einem nicht leicht fällt, ist es ratsam mit dem behandelnden Arzt auch über diese sensiblen Themen zu sprechen und gemeinsam mögliche Lösungen zu diskutieren:

  • Wenn das Symptom der Stuhlinkontinenz neu ist, wird Ihr behandelnder Arzt der Ursache auf den Grund gehen wollen. Denn es muss nicht immer mit der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung zu tun haben. So könnte auch eine bakterielle Infektion oder Nahrungsmittelunverträglichkeit dahinter stecken.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über geeignete Inkontinenzartikel wie beispielsweise Einlagen, Inkontinenz-Slips und Auflagen z. B. für das Bett. Die Produkte sind vielfältig und zudem diskret in Onlineshops für Sanitätsbedarf bestellbar und können ein Gefühl der Sicherheit geben. Jedoch sind nicht alle Hilfsmittel auch für jeden Betroffenen geeignet. Zu beachten ist beispielsweise, dass ein Analtampon bei Entzündungen oder Infektionen im Darm nur nach Rücksprache mit dem Arzt verwendet werden sollte.

Tipp: Die Kosten für individuell notwendige Hilfsmittel können bei Verordnung durch Ihren Arzt in der Regel von der Krankenkasse übernommen werden.1,2

  • Gezieltes Training kräftigt die Muskulatur im Beckenboden und den Schließmuskel. Fragen Sie Ihren Arzt nach der Möglichkeit unter fachkundiger Anleitung wichtige Übungen zu erlernen (Physiotherapie). Regelmäßiges Training kann die Kontrolle über den Stuhlabgang verbessern.

Tipp: Auch online, z. B. bei YouTube, sind viele Trainingsvideos zur Stärkung des Beckenbodens zu finden – und nicht nur für Frauen.

  • Medikamente, die im Bedarfsfall den Stuhldrang und die Stuhlfrequenz reduzieren, können in manchen Fällen helfen. Manchmal hilft auch allein schon der Gedanke, ein Medikament für den Fall der Fälle bei sich zu haben, um die Angst vor unwillkürlicher Darmentleerung zu reduzieren.

Auch Gesunde kennen die Situation, z. B. vor einem wichtigen Vortrag noch zur Toilette zu müssen. Angst oder innere Anspannung kann auch bei ihnen die Darmpassage beschleunigen und zu Durchfall führen.

Wie sehr trifft das erst für Patienten mit Crohn oder Colitis zu? Die Angst dann nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden, kann wiederum zu erhöhter Darmaktivität führen und Stuhldrang auslösen. Eine psychologische Unterstützung hilft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und Ängste vor Notsituationen abzubauen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, wie sehr die Erkrankung Ihre Lebensqualität beeinflusst.

Auch Gespräche mit anderen Betroffenen können helfen – mögliche Kontakte zu Selbsthilfegruppen finden Sie hier. Ein umfangreiches Online-Portal zum Thema Stuhlinkontinenz hat beispielsweise der Selbsthilfeverband Inkontinenz e.V.

Beispiele für Hilfestellungen sind unter Tipps für den Alltag für Sie zusammengestellt.


Quellen:

  1. Sozialgesetzbuch (SGB) Erstes Buch (I) – Allgemeiner Teil – (Artikel 1 des Gesertes v. 11. Dezember 1975, BGBI. I S. 3015) § 21 Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung; https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_1/__21.html Eingesehen am 21.03.2017

  2. Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) – Gesetzliche Krankenversicherung - (Artikel 1 des Gesetzes v. 20. Dezember 1988, BGBl. I S. 2477), § 33 Hilfsmittel; http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__33.html Eingesehen am 03.01.2017